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Die hyborische Welt des Robert E. Howard

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Ein Opfer im Morgengrauen

 



„Wenn die Sonne aufgeht, stirbt die Prinzessin!“ Im Stadtschloss von Tarantia, in einem Raum weit oben im Turm, saßen zwei dunkle Gestalten beisammen. Einer war Arotay, der Berater und Magier der Königsfamilie. Der andere war eine düstere Figur, verhüllt in einem weiten Kapuzenmantel.
Arotays Augen glommen voll fanatischem Hass. Er sprach weiter: „Zelila wird morgen bei Sonnenaufgang von mir gerufen werden. Wie stets in dieser Jahreszeit wird sie die jährliche Ansprache an die Bevölkerung halten. In aller Frühe werden die Vorbereitungen getroffen, so dass sie des morgens zum Volk reden kann.“
Die andere Gestalt machte eine Bewegung mit knochiger Hand .„Dazu wird es nicht kommen,“ zischelte es aus der Kapuze.
Arotay nickte. „Die Prinzessin wird höheren Zielen dienen als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Ihr habt den Gegenstand bei euch?“
Die verhüllte Gestalt machte eine beschwichtigende Geste. „Ihr werdet ihn früh genug erhalten. Es ist nicht gut, wenn das Ding zu offen gezeigt wird.“
Arotay verzog sein hageres Gesicht zu einem teuflischen Grinsen „Diese Narren glauben ich sei einer dieser verfluchten Mitraspriester. Ha! Aber bald werden sie die Wahrheit erkennen. Nur wird es dann zu spät sein!“

*

Conan knallte den Becher auf den rohen Tisch. „Mehr Ale!“ brüllte er. Der schwarzhaaarige Cimmerier, Hauptmann in der Wache Tarantias, der aquilonischen Hauptstadt, hatte getrunken. Die Taverne war erfüllt vom Lärm der Söldner, Diebe und sonstigen Taugenichtse die sich nachts in dieser Spelunke trafen. Manche um ihren Geschäften nachzugehen, andere um zu spielen, wieder andere um sich zu betrinken.
Der Cimmerier war zum Trinken gekommen. So wie die Handvoll Kameraden, die ihn begleiteten. Die anderen Gäste hielten respektvollen Abstand zum Tisch an dem die trinkenden Wachen saßen. Abgetragene Lederbrünnen, schmucklose Helme, Schwerter denen man den ständigen Gebrauch ansah – dies redete eine deutliche Sprache, die man in solchen Lokalen gut verstand.
„Ich hasse diesen Dienst,“ murrte einer der Wachen, ein junger Mann, „schlechter Sold, schlechtes Essen, schlechte Unterkunft!“
„Und die Herrscherfamilie ist dekadent, verblödet,“ warf ein anderer ein.
„Bis auf Zelila,“ meinte Conan.
„Bis auf Zelila“, stimmten die anderen zu. Zelila, die Erbin der Hinrobias, Herrscher in Tarantia, war eine Schönheit. Die junge goldblonde Frau war nicht nur mit einer atemberaubenden Figur und betörenden Zügen gesegnet, sie war zudem auch noch klug und von freundlichem Charakter.
„Zelila ist anders,“ fuhr Conan fort und ergriff seinen Becher, „sie passt nicht zu diesem dekadenten Haufen.“


Einer seiner Kameraden stieß ihn derb mit dem Ellbogen in die Seite. „Na, Conan, du siehst so träumerisch aus – verliebt, eh?“
Wütend blitzte der Cimmerier ihn an. „Pass auf was du sagst!“
„Ach, gib’s zu. Und wir sind ja alle irgendwie ein wenig in das Mädchen verliebt.“
Conan grunzte. Er hatte ja recht. Er war verliebt. Mehr noch – Zelila liebte ihn ebenfalls. Seit Wochen trafen sie sich heimlich, keiner durfte davon erfahren. Die Erbin der Hinrobias und ein simpler Hauptmann der Wache – das würde Zelilas Familie niemals gestatten. Conan fluchte leise vor sich hin.
Erneut schlug er mit dem Becher auf den Tisch: „Wirt! Wo zum Teufel bleibt das Ale?“

*

Claudius Hinrobia, König von Aquilonien, hatte Arotay zu sich bestellt. Noch vor dem Sonnenaufgang traf der Berater des Herrschers im Thronsaal ein, wie befohlen.
Claudius saß auf seinem Thronsessel, bereits mit einem Pokal voller Wein in der Hand. „Bist du mit deinen Vorbereitungen fertig?“ fragte er.
„Es ist alles bereit, mein Herrscher“, sagte Arotay mit gespielter Bescheidenheit, „Eure Tochter wird für die Proklamation zurecht gemacht, es hat alles seine Richtigkeit.“
„Gut,“ fuhr der Herrscher fort, „du hattest noch einen Wunsch?“
„Ja, Gebieter, nur eine Kleinigkeit. Für das Große Mitrasgebet habe ich um Mithilfe eines Bruders gebeten. Er ist ein Oberpriester unseres Ordens und man munkelt, sein Leben werde von den verfluchten Setpriestern bedroht.“
„Ach ja?“ Der Herrscher hörte eher gelangweilt zu. Was interessierten ihn jene Zankereien der Priester, ihm war das egal.
„Ja, mein Herr. Zum Schutz vor seinen Feinden hat mein Bruder einige Leibwachen bei sich. Das stört Euch sicher nicht?“ Arotay warf dem Hinrobia einen lauernden Blick zu.
„Mach nur, du weißt am besten was zu tun ist.“
„Habt Dank, edler Herrscher. Seid bitte zeitig zur Stelle, damit die Zeremonie gemäß den alten Sitten ablaufen kann.“
Der Herrscher nickte nur und entließ Arotay mit einer fahrigen Bewegung.

*

Der Sonnenaufgang fand Conan und seine Leute vor ihren Quartieren. Sie hatten ihre Kettenhemden angelegt, die Schwerter gegürtet, die konischen offenen Helme waren fest gebunden. Ihre Pferde wurden von Pferdeknechten herbei gebracht. Conan inspizierte alles. Als er sich davon überzeugt hatte, dass seine Leute voll einsatzbereit waren, ließ er aufsitzen.
Er beugte sich im Sattel vor und sprach eindringlich zu seinen Männern:
„Ich habe kein gutes Gefühl. Irgendetwas gefällt mir nicht an dem was heute geschehen soll. Wir wollen auf alles vorbereitet sein. Denkt daran: unser Auftrag ist es, Zelila zu schützen.“
Die Männer nickten. Sie kannten ihren Hauptmann gut genug um zu wissen, dass seine Ahnungen und sein Instinkt ihn selten trogen. Ginge es nach ihnen, wären sie ohnehin längst ihre eigenen Wege gegangen, einzig ihre Kameradschaft zu Conan hielt sie noch beim Wachdienst.
Conan hob einen Arm als Zeichen. Sie ritten langsam los, in Richtung des Platzes vor dem Herrscherpalast. Dort sollte die Zeremonie stattfinden.

Nach kurzer Zeit trafen sie ein. Trotz der frühen Stunde hatte sich schon viel Volk versammelt. Das jährliche Mitrasritual war schließlich der Beginn eines fröhlichen Festes. Neben Conans Männern waren noch einige andere Einheiten aufgeboten worden. Mit einem kurzen Blick sah er, dass die anderen wie üblich schlampig gerüstet waren. Für derartige Nachlässigkeit hatte er kein Verständnis. Conan war stets der Ansicht, ein Krieger müsse wann immer er Waffen und Rüstung anlegt, dies auch gewissenhaft und mit Sorgfalt tun. Eine Einstellung, die ihm und seinen Leuten schon mehrfach das Leben gerettet hatte.
Zudem war es ihm auch wichtig, einen guten Eindruck zu machen. Schließlich sah Zelila ihn heute beim Dienst.

Die Sonne würde bald aufgegangen sein.
Conan und seine Leute hatten einen Ring um die niedrige Empore vor dem Palast gebildet wo die Zeremonie stattfinden würde. ‚Sicher ist sicher’, war Conans Überlegung dazu.
Als das Tor zur Empore sich öffnete, kamen zwei Gestalten heraus: Arotay, den Hofzauberer kannte Conan. Nicht jedoch die andere verhüllte Gestalt neben ihm. Conans Augen verengten sich zu Schlitzen – das was er sah, gefiel ihm gar nicht. Diese unbekannte Gestalt hatte etwas Unheimliches an sich. Nun machte sie auch noch eine befehlende Geste. Aus dem Tor kamen einige dutzend grimmige Gestalten. Unruhe machte sich auf dem Platz breit, als man sah, was da herausgetreten war – breite, muskulöse Gestalten mit ungeschlachten, groben Zügen, in ledernen Rüstungen und mit Äxten und Kriegskeulen bewaffnet. Sie bauten sich vor den Wachen auf. Conan und seine Männer warfen sich stumme Blicke zu. Sie waren alarmiert. Hier stimmte wirklich etwas nicht!
Sodann erhob Arotay seine Stimme:
„Sehet euren Herrscher!“
Der Hinrobia trat heraus und begrüßte die Menge vor dem Palast mit einer herablassenden Geste. Conan sah sofort, dass der Mann bereits angetrunken war.
„Die Prinzessin!“, rief Arotay.
Zelila trat heraus, bescheiden und doch königlich. Conans Herz schlug höher.

Die Sonne schob sich über den Horizont und verbreitete erste helle Strahlen, die die Empore in ein rötliches Morgenlicht tauchte. Zelila schritt hocherhobenen Hauptes zu ihrem Vater, vorbei an der verhüllten Gestalt. In diesem Moment griff dieser Unbekannte unter seinen Kapuzenmantel und hob einen Gegenstand hoch über den Kopf empor.
Conans scharfe Augen sahen eine Art schwärzlich-roten Kristall, der wie ein Magnet die Sonnenstrahlen anzusaugen schien. Wie lebendig schien das Ding. Conan wandte den Blick instinktiv ab. Arotays unbekannter Begleiter stimmte einen unheilig klingenden Singsang an, in den der Hofmagier einfiel. „Yag shotot, yag rlye, yiee, yiee“ – unmenschliche Töne waren es, die die beiden Magier sangen.
Wie erstarrt, unfähig, etwas zu unternehmen, stand die Volksmenge, standen die anderen Einheiten und gafften. Claudius Hinrobia und Zelila wurden von Strahlen aus dem Kristall in rot flackernde Lichtzungen gehüllt und schienen wie gelähmt.
„ZELILA!!“ brüllte Conan, der es vermieden hatte, direkt in das Licht des Kristalls zu blicken, und gab seinem Pferd die Sporen. Wie ein Tornado sprang es zwischen die fremdartig aussehenden Wächter der Magier. Axthiebe regneten auf Conan herab, doch er hatte sein Schwert gezogen und wob ein Netz aus Tod und Vernichtung um sich.

Ein Gegner sprang ihn von hinten an und fiel mit gespaltenem Schädel zu Boden, während Conan einem anderen mit einem grausamen Griff das Genick brach. Rot färbte sich der Boden auf und vor der Empore. Seine Gegner niedermähend, brach Conan durch und stand vor den Magiern. Entsetzt schauten diese zu dem Berittenen hoch, der mit erhobenem Schwert den Tod für sie bereit hielt. Conan schlug zu, der Kopf des Hofmagiers beschrieb einen Bogen und spritzte Blut. „Nun zu dir, du Hund!“ Voller Blutdurst wandte sich Conan dem unbekannten Magier zu. Dieser hielt ihm den Kristall entgegen und begann erneut, jene unirdischen Töne anzustimmen. Conan merkte, dass jetzt nicht die Zeit war, sich fremder Magie auszusetzen.
Mit einem Ruck an den Zügeln riss er sein Pferd herum und hob die immer noch reglose Zelila hinter sich auf den Sattel. Ein Schenkeldruck und sein Pferd sprang los, weg von diesem Platz. Aus den Augenwinkeln sah Conan, dass Claudius Hinrobia inzwischen ganz in jenes unheilige Licht gehüllt war.
Hufgeklapper hinter ihm sagte Conan, dass seine Leute nun ebenfalls aus ihrer Erstarrung erwacht waren und ihm folgten.
In höchstem Tempo galoppierte er duch die Straßen Tarantias, Zelila hinter sich fest haltend, gefolgt von seinen Leuten. Dann raus durch das Stadttor und weiter, nur weiter, weg von diesem Ort finsterer Magie.

*


Sie hatten ein Lager an sicherem Ort aufgeschlagen. Tarantia lag weit hinter ihnen. Die Männer waren ihrem Hauptmann ohne zu zögern gefolgt, als sie aus der magischen Erstarrung sich lösen konnten und sahen, was geschah. Das Blubad vor der königlichen Empore, die Rettung Zelilas, die rasende Flucht – erstmals seit langer Zeit fühlten sie sich wieder als Krieger.
Conan saß am Feuer, Zelila lag in seinen Armen. „Conan, was ist denn eigentlich geschehen?“ fragte das Mädchen.
Der Cimmerier strich ihr zärtlich über die Stirn. „Ich nehme an, der Hofmagier hatte einen Putsch oder eine höllische Beschwörung vor. Oder beides. Du solltest sicher das Opfer sein. Jener andere Magier, von dem wohl niemand weiß, wer das ist, hatte irgendwas mit diesem verfluchten Kristall vor.“
Zelila nickte. Derartige Intrigen waren nicht wirklich ungewöhnlich. Sie blickte Conan an: „Was ist mit Vater?“
Conan zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht, dass er noch lebt. Und wenn doch, dann wohl nur noch als willenlose Marionette des fremden Magiers. Jetzt bist erstmal du wichtiger, meine Zelila.“
„Willst du mich denn noch, Conan?“
„Zelila! Was denkst du denn? Du weißt wie sehr ich dich liebe.“
„Aber ich bin jetzt doch arm und mittellos.“
Conan grinste. Er trat das Feuer aus, winkte seinen Leuten ein Kommando zu und sprang aufs Pferd. Zelila hob er hinter sich.
„Und ich bin kein Hauptmann der Wache mehr. Was brauchen wir deinen Reichtum Zelila? Die ganze Welt wartet darauf, von uns geplündert zu werden!“



ENDE


März 2008
Für meinen Freund Duncan zum 40. Geburtstag.
 

 © georg mackowiak castroperstr.45 45665 recklinghausen 02361/181230